Des Kaisers Kuli - Cover

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ISBN/EAN: 978-3-689-12658-2
Format: PDF
DRM: Digitales Wasserzeichen
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Auflage:
1. Auflage 2026
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
3.03 MB
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8,99 €
inkl. MwSt.

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Beschreibung

Mitten im Sturm der Geschichte: Des Kaisers Kuli erzählt vom Leben der einfachen Matrosen in der kaiserlichen Kriegsflotte im 1. Weltkrieg ¿ Männer, die schuften, gehorchen und kämpfen sollen, ohne je gefragt zu werden. Theodor Plievier zeichnet ein schonungsloses Bild vom Alltag auf See: von brutaler Disziplin, sinnlosen Befehlen und einer militärischen Maschinerie, die Menschen zu Nummern macht. Zwischen Exerzieren, Hunger, Angst und wachsender Unruhe reift ein Bewusstsein ¿ leise, aber unaufhaltsam. Als der Krieg beginnt, kippt die Stimmung: Begeisterung schlägt in Zweifel um, Gehorsam in Widerstand. Und die Frage steht im Raum: Für wen kämpfen sie eigentlich? Ein kraftvoller, authentischer Roman über Macht, Unterdrückung und den Mut, sich zu widersetzen ¿ eindringlich, aktuell und erschütternd menschlich. Ein Klassiker der Antikriegsliteratur, der heute mehr denn je bewegt.

Über Theodor Plievier

Theodor Otto Richard Plievier wurde am 17. Februar 1892 in Berlin geboren. Er wuchs im Arbeiterbezirk Gesundbrunnen auf und kam früh mit Literatur, sozialem Elend und politischen Ideen in Berührung. Bereits als Jugendlicher veröffentlichte er Texte in anarchistischen Zeitschriften. Sein unruhiger Lebensweg führte ihn durch Europa und Südamerika, wo er unter anderem als Matrose, Minenarbeiter, Viehtreiber und Gelegenheitsarbeiter arbeitete ¿ Erfahrungen, die sein späteres Schreiben nachhaltig prägten. Während des Ersten Weltkriegs diente Plievier als Matrose in der kaiserlichen Marine. Die brutalen Zustände an Bord des Hilfskreuzers Wolf und das elende Leben der einfachen Soldaten wurden zum Ausgangspunkt seines literarischen Durchbruchs. Mit dem 1930 erschienenen Roman "Des Kaisers Kulis" gelang ihm über Nacht internationale Bekanntheit. Das Buch ist eine schonungslose Anklage gegen Militarismus, Hierarchie und Krieg und machte Plievier zu einer wichtigen Stimme der antimilitaristischen Literatur der Weimarer Republik. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden seine Werke verboten und verbrannt. Plievier floh ins Exil, das ihn über mehrere europäische Länder schließlich in die Sowjetunion führte. Dort arbeitete er zeitweise als Rundfunkautor und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Grundlage intensiver Recherchen, Gespräche mit Kriegsgefangenen und der Auswertung von Feldpostbriefen entstand sein bekanntestes Werk: "Stalingrad". Der Roman erschien 1945 und war das erste literarische Werk, das den Untergang der 6. deutschen Armee ungeschönt, aus der Perspektive der einfachen Soldaten schilderte. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit gelesen. Mit "Moskau" (1952) und "Berlin" (1954) setzte Plievier diese Darstellung fort und schuf eine monumentale Romantrilogie über den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Im Mittelpunkt steht dabei stets nicht die Strategie der Generäle, sondern das Leiden der Menschen im Mahlstrom der Geschichte. Plievier verband dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Kraft ¿ ein Stil, der seine Bücher bis heute eindringlich macht. Nach 1945 arbeitete Plievier kurzzeitig in der Sowjetischen Besatzungszone, unter anderem als Verlagsleiter und Abgeordneter. Doch der zunehmende politische Dogmatismus veranlasste ihn, 1947 den Osten zu verlassen. In Westdeutschland und später in der Schweiz trat er entschieden für individuelle Freiheit, gegen jede Form von Totalitarismus und für ein vereintes Europa ein. Diese Haltung bestimmte sein Spätwerk ebenso wie seine öffentlichen Reden. Theodor Plievier starb am 12. März 1955 im schweizerischen Avegno. Sein Werk wurde in den Jahrzehnten nach seinem Tod vielfach neu aufgelegt und gehört heute zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts über Krieg, Exil und Gewissensfreiheit. Seine Romane sind keine Heldenepen, sondern eindringliche Mahnungen ¿ geschrieben aus der Erfahrung eines Menschen, der Krieg, Armut und politische Verfolgung selbst erlebt hat.

Leseprobe

Ein zweiter Panzerkreuzer derselben Klasse kommt in Sicht, der "Tiger"! Sechzehn schwere Turmgeschütze richten sich auf die kleine "Ariadne". "Ruder hart Steuerbord!", befiehlt der Kommandant. "Liegt Steuerbord!", antwortet der Rudergänger. Die "Ariadne" dreht auf Gegenkurs, sucht mit äußerster Fahrt sich in den Nebel zurückzuziehen. Der "Lion" schießt mit seinem vorderen Turm. Aus den Mündungen steigt Rauch auf. "Wie ein DZug, der über eine Eisenbrücke rattert!", konstatiert Hein Mathiesen. Er würgt an den Worten. Seine Augen sind stier. Kleesattel erkennt das Schiff wieder ¿ vor ein paar Wochen vor der Insel Malta! Ein Gewimmel von Matrosen damals! Er hätte diesem Hamburger Bäckermeister doch die Fresse zerschlagen sollen! Die RoteKreuzSchwester in Bremen auf dem Bahnhof, was für hohe, schlanke Beine sie hatte! Anderthalb Sekunde! Zwei Fontänen steigen aus dem Meer, einige hundert Meter vor dem Schiff. "Fünfundfünfzig Hundert!", gibt die Feuerleitung für die eigene Artillerie an. "Fünfundfünfzig Hundert!", wiederholen die Telefonposten an den Geschützen. "Salve ¿ Feuer!" Die Geschützführer ¿ an der Backbord vorderen Kanone der Bootsmaat Paul Weiß ¿ reißen die Abzugshebel zurück. Betäubendes Krachen. Das Rohr rennt rückwärts in der Lafette. Zweiunddreißig Pfund Eisen jedes Geschütz. Erbsen gegen die schweren Panzer der Schlachtkreuzer, die wirkungslos abprallen. 2600 Tonnen ist die "Ariadne" groß. 30 000 Tonnen jeder der Panzerkreuzer. Die fünf Mann Bedienung der Ariadnekanonen stehen frei an Deck. Die achtzig Mann Bedienung jedes britischen Turmgeschützes stehen hinter dem Schutz dicker Panzerwände. Die nächsten Aufschläge liegen achterlich. Der Gegner hat sich herangegabelt, das Schussfeld gefunden. Jetzt zuckt ein Feuerkreuz rings um die beiden "Panzer". Der braune Korditrauch der Pulverladung steigt wie eine Wand. Die "Köln" ist im Nebel verschwunden. Die "Ariadne" hat den Schlachtkreuzern den Achtersteven zugekehrt und bietet nur ein schmales Ziel. Die Granaten schlagen neben dem Schiff ein. Wassersäulen, grün aufleuchtend, steigen hoch wie kristallene Dome, brechen dann über das Deck zusammen. Fünfhundert, tausend Tonnen vielleicht, aus Wolkenhöhe ¿ welche Gewalt Wasser hat! Das Schiff kreischt und zittert in allen Spanten und sackt plötzlich weg wie ein überladenes Packtier, das sich auf den Hintern setzt. In den Abteilungen kollern Gegenstände durcheinander. Gläser und Kontrollinstrumente zerbrechen. Die Metallfäden von Glühbirnen zerstäuben. Auf dem Achterdeck heben sich blutig geschlagene Gesichter aus den abfließenden Wassern. Der lange Oberleutnant Alvens wird weggeschleppt mit zerbrochenen Armen. "Mehr Umdrehungen!", fordert der Kommandant. "Hilfe!", trommeln Finger auf die F.¿T. "Feuer!", kommandiert der Artillerieleiter. Die Stoker wühlen wie gejagte Teufel. Kohlenkarren, Schüreisen, klappende Feuertüren! Die durchgeschwitzten Fetzen kleben nass an ihren Schenkeln. Lungen und Brustkasten arbeiten wie Blasebälge ¿ ¿ Dampf! Dampf! Auf dem Deck, an den Geschützen: Granate, Kartusche, Verschluss zu! Die näher kommenden grauen Phantome im Fadenkreuz der Ferngläser! Abschussfeuer! Erstickende Pulvergase! Die Augen schmerzen. Kehlen sind wie ausgebeizt und ganz trocken. Wenn der Rauch fällt, ohne Pause weiter: 32 Pfund Eisen jedes Geschütz! 80 Kilo die Breitseite. "Lion" und "Tiger" schießen in großen Zwischenräumen, aber sie stoßen mit jeder Salve 6600 Kilo Stahl und Dynamit durch die Luft. "Hallo, an Deck?" Heizer Turuslawsky steht unter dem Luftschacht: "Sind unsere ,Dicken¿ schon in Sicht?" Der Matrose oben ¿ ein Glied in der Kette der Munitionsmänner ¿ setzt seine Last ab. Der Nebenmann ist nicht mehr zu sehen. An der eisernen Wand klebt was, flach und weit wie eine ausgespannte Kuhhaut, rieselt in roten und grauen Streifen an das Deck hinunter. Diese Heizer, was wollen sie dauernd? Der Matrose steckt seinen Kopf in den Luftschacht. "Sind unsre ,Dicken¿ schon zu sehen?", wiederholt Turuslawsky. "Scheiße!", brüllt der Matrose von oben in das Dunkel hinunter. Turuslawsky packt seine Kohlenschaufel und stellt sich wieder in die Reihe. Die Kessel stehen unter Druck bis zum Bersten. Aber die Leistungen der Maschine haben die Grenze erreicht. "Zu alt, der verfluchte Klasten!" "Zu langsam zum Ausrücken!" Munitionsträger, Ausguckposten, geschwärzte Gesichter der Geschützbedienungen, immer wieder suchen sie nach Osten, von wo die schweren Schiffe anmarschieren müssen zur Entlastung. Und immer wieder duckt sich alles, was Fleisch ist, wenn das anrollende Metall die Luft zerdonnert. "Karl ¿!" "Heini! Mensch!" Sie fassen und halten sich, sehen jeder das fahle Gesicht des anderen wie das eigene aufzuckende Spiegelbild. Dann schlauchen sie tief Luft. Der Mast steht noch. "Das ist der Luftdruck! Da kann man nicht gegen an, Hein!" So muss ein Erdbeben sein. Derselbe Stoß von unten gegen die Eingeweide! Doch schwimmende Schiffskörper sind weicher abgefedert. Aber das Fleisch schlottert an den Knochen. Die Nerven klappern. Das da unten an Deck, das Hineingurgeln in die Tiefe, die Feuerlohe, die bis zum Krähennest gesprungen und die Augen geblendet hat, ist noch nicht das Ende. Kleesattel sieht wieder, kann hören, denkt und beobachtet! Die Granate hat das Deck durchschlagen, ist im Vorschiff krepiert. Pressluft heult durch das Einschussloch. Kohlenstaub! Rauch! Der Staub geht nieder, eine schwarz funkelnde Wolke. Der hochsteigende Rauch ist von sattem Ockerbraun. Durch Zugänge, Mannlöcher, zuletzt auch durch die Einschussöffnung quillt eine Flut halb nackter, schwarzer Leiber. Die Stoker! Sie räumen das Unterschiff. Die Bunkerkohlen brennen. Die Kesselräume liegen in Rauch. Fünf Kessel sind ausgefallen. Die "Ariadne" läuft nur noch halbe Fahrt. An der vorderen Kanone sind die Apparate zerstört. Telefon, Fernrohr, Visiereinrichtung weggefegt. Bootsmaat Weiß peilt über das Rohr und klappt nur ein wenig hinter den übrigen Geschützen her.

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